Alles, was ich brauchte

Meine Großmutter, mit ihrem zum Knoten gedrehten Zopf unter dem Strohhut und dem tiefblauen, weiß getupften Kleid vermittelte mir stets den Eindruck einer heilen Welt, wenn ich auf der Kirchenstiege ihren Nachbarinnen begegnete, die freundlich aus nahezu demselben Outfit guckten.

Die Kühle des alten Kirchgebäudes umfing uns Minuten später am Weihwasserbecken. Ich kontrollierte vorsichtig, ob der Knicks und das Kreuzzeichen, hastig über das Gesicht geschlagen, niemandem Anlass zum sorgenvollen Seitenblick war und erklomm eine der gepolsterten Bänke, die unter dem ständig steigenden Gewicht der Besucher zu ächzen begann, als hätte sie Wichtiges zu sagen.

In Messing gefräste Namen längst verblichener Kirchenbesucher beschäftigten den Volksschüler die nächsten Minuten, bevor der Blick im gefüllten Saal über Statuen und Malereien strich, stets die Frage bewegend, welche Farbe das Kirchenjahr dem Interieur tagesaktuell verlieh, ob weiß-gelb oder violett meinem kirchlich erworbenen Wissen entsprach.

Die Kerzenflammen am Altar zogen den Blick jedes kleinen Pyromanen für kurze Zeit in ihren Bann, im Gegensatz zur roten Lampe in der Saalmitte, die eher unheimlich auf mich wirkte. Jäh riss mich ein gellender Klingelton aus meinen Betrachtungen und lenkte meine Aufmerksamkeit auf die weiß-goldene Pracht der Kleidung des salbungsvoll eintretenden Priesters.

Nein, die Ministranten hatte ich nie beneidet, da sparte ich mit Ehrgeiz - sicherheitshalber ignorierte ich sie. Da war das Gesangbuch schon interessanter. Im geschützten Bereich der Menge war gut mitsingen, neben Oma und den Nachbarn.

Heute werde ich nach vorne gehen, ganz bestimmt, o ja, ich hatte gebeichtet - doch da war dieses Phänomen wieder: Ich hatte eben den Beichtstuhl verlassen, kniete in einer Bank und betete meine 24 Vaterunser so ruhig und andachtsvoll ich konnte, ließ endlich froh und erleichtert das mächtige Portal hinter mir - und da stand er vor mir, mitten auf dem Gehsteig, der Abschaum von einem Mitschüler, der "Bitte, ich weiß was!".

Das Gefühl, von dem man ganz genau weiß, wie unrecht es ist, ergriff mich, ich konnte förmlich zusehen, wie sich mein Innerstes schwarz färbte. Es war wie beim Rodeo: meist fühlte ich mich an die zehn Minuten sauber nach der Beichte, diesmal lag die Würze in der Kürze, ich war im Sekundenbereich gelandet. Was tun? Umkehren? Nicht möglich. Die anderen Miniatur-Sünder standen Schlange am Beichtstuhl. Mit der Heuchelei leben, mit der Lüge? Es war doch immer das gleiche.

Inzwischen drängte mich das Kirchenvolk aus meinen Gedanken und aus der Bankmitte in den Gang. O Gott, wenn ich jetzt stehen bleibe, wissen alle alles. Auch die Oma. Ich hatte solche Angst. So kniete ich schließlich nieder neben all den anderen, die nicht wussten, dass sie ein "Kind der Hölle" in ihrer Mitte duldeten und nahm die Hostie zu mir. Wie froh war ich immer "O Herr ich bin nicht würdig..." stammeln zu dürfen. So ging es Sonntag für Sonntag.

Draußen belebten Sonnenstrahlen die juvenilen Lebensgeister, ohne das Gewissen zu erhellen. Die Folgejahre brachten eine eigene Familie und noch mehr Sünden mit sich, die die Schuld und die Verzweiflung über die eigene Un-Art ins Unerträgliche steigerten.

Dann durfte ich die Bibel, das Wort Gottes, kennenlernen und war darüber hoch erfreut, dies war mir in der frühen Jugend als Katholik versagt geblieben. Das Wort Gottes als normaler Sterblicher lesen zu dürfen, ohne Exegeten, war ein königliches Vergnügen für mich. Allerdings zeigte es den Unterschied zwischen Gottes Willen und meiner Verlorenheit umso deutlicher auf.

"So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind" - "Soviele Ihn (Jesus) aber aufnahmen, denen gab Er das Anrecht, Gottes Kinder zu werden, die an Seinen Namen glauben." "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an micht glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben."
Das waren Worte, die schlugen ein in meinem Herzen. Ein neuer Herr, der das Chaos meines Lebens und meines Inneren übernahm, die Sündenschuld am Kreuz getilgt hatte, keine Verdammnis mehr, dafür Auferstehung, Gottes Kind zu sein und die sichere Zusage, im Himmel bei Ihm sein zu dürfen, war mehr als sich der kleine Katholik je hatte träumen dürfen.

Ich hatte längst die Kirche verlassen, die von sich behauptet, "allein seligmachend zu sein", die mir aber nie wahre Sündenvergebung, auch kein neues Leben und Heilsgewissheit bis in Ewigkeit geben konnte. Ich durfte und konnte nicht länger in dieser Institution verbleiben, die den Menschen weder retten, noch den einzigen Retter vermitteln kann und will, da ich durch ein Verbleiben andere für die Ewigkeit beispielgebend gefährdet hätte. Ich ging heraus - kein Pomp, kein äußerer Glanz, kein Klingeln, keine Statuen, kein Weihwasser mehr, keine Eucharistie, die den Sohn Gottes abermals opfert - alles, was ich brauchte war Er, Christus.

Zeiten der Sorge mit Kindern, mit Krankheiten - meine Frau, die meine Schwester in Christus ist, hatte zwei Mal Krebs - landeten genau so wie alle anderen Probleme und Freuden in den Händen dessen, der von sich sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Heute darf ich durch Seine Gnade Sein wunderbares Wort weitergeben und hoffentlich noch manchem den Weg zeigen - heraus aus einer menschlich aufgebauten Religion hin zu dem Sohn Gottes. Die letzten Worte seiner Mutter, die uns überliefert sind, heißen: "Was Er euch sagt, das tut!" Der himmlische Vater sagt über Seinen Sohn, der der herrschende Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit und dem Er alles übergeben hat: "Siehe, das ist mein lieber Sohn, DEN sollt Ihr hören."

Der Sohn, Jesus Christus sagt dir und mir: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. (Mt 11,28-30).
Das kann ich von Herzen bestätigen, das habe ich erlebt und erlebe es immer noch.

Werner